Notglocken

In den beiden Weltkriegen wurden die meisten in Deutschland vorhandenen Glocken eingeschmolzen, um die Bronze zur Herstellung von Bomben und Kriegsgerät zu nutzen. Weitere Glocken wurden bei Luftangriffen, die auch vor Kirchen nicht Halt machten, zerstört. – Beim Wiederaufbau nach dem zweiten Weltkrieg wurde dieser Vorgang ironischer Weise wieder umgekehrt: Da es kaum Rohstoffe zum Bau neuer Glocken gab, schmolz man Panzer, Helme und alles noch vorhandene Metall ein und goss daraus so genannte „Notglocken“, damit die Kirchengemeinden zumindest vorübergehend wieder die Glocke schlagen konnten, um zum Gottesdienst zu rufen.

Später dann, als sich der Zustand normalisierte und das Wirtschaftswunder blühte, wurden wiederum Glocken aus echter Bronze gegossen – womit das Schicksal der Notglocken besiegelt war: Entweder wurden sie eingeschmolzen oder auf Schrotthalden verklappt, wobei leider auch ein Teil der historischen Realität in Vergessenheit geriet:

Über die Euphorie, dass man sich jetzt wieder „echte“ Glocken leisten konnte, wurde die symbolische Kraft der Notglocken außer Acht gelassen, denn gerade sie verkörpern in einmaliger Weise das Bibelzitat aus der Prophezeiung, welches zum Symbol der Friedensbewegung geworden ist: „Schwerter zu Pfugscharen!“

In einem Waldstück am Rande der Stadt Kassel fand der Künstler Udo P. Leis vor einigen Jahren einige der besagten Notglocken, bereits überwuchert von Gras, gezeichnet von Rost und Verrottung. Aus ihnen baute er die Installation „NoTTon“ – einen riesigen Glockentisch, an dem 4 Notglocken hängen, die von Musikern im Rahmen von Konzert-Performances, aber auch von Ausstellungsbesuchern geläutet werden können.

Zuerst wurde die Installation 2006 am Kasseler Friedrichsplatz ausgestellt. Hier fanden mehrere Konzerte statt, bei denen unter anderem der Schlagzeuger Steffen Moddrow und der Elektronik-Künstler Wolfram DER Spyra die Notglocken mit Holzhämmern spielten. – Als dann auch die Besucher die Glocken schlagen durften, standen gerade älteren Bürgern der Stadt, die sich noch an die Zeiten der Zerstörung erinnern konnten, die Tränen in den Augen.
Rüstungskonversion – Aus Waffen werden zivile Nutzinstrumente – Alle Völker sollen hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen

Text: Wolfram DER Spyra, Udo P. Leis